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Was wäre wenn

Was wäre, wenn man die Welt nur vereinen kann, indem man sie zuerst zerstört?

10 min Lesezeit
Melvin S.

Ich hab in den letzten Tagen viel gelesen. Viel zu viel, wahrscheinlich. Ich hatte mir ja dieses Obsidian-System aufgebaut, und irgendwann hab ich angefangen, da Sachen reinzuziehen, die mich wirklich beschäftigt haben. Psychologische Studien. Folterexperimente. Wie Medien Narrative aufbauen. Die ganze Bandbreite von dem, was man über menschliches Verhalten wissen kann, wenn man es wissen will.

Und irgendwann bin ich bei einer Theorie gelandet, die gerade auf X die Runde macht. Ein Post, der einen Ablaufplan beschrieben hat. Und das Ding hat mich einfach nicht losgelassen.


Der Ablaufplan

Die Theorie geht so: Alles, was gerade geopolitisch passiert, folgt einem Plan. US-Krise mit dem Iran. Dann versenken ein paar Schiffe. Dann gibt es ein Ceasefire. Israel bricht das Ceasefire. Und dann geht es weiter. Und weiter. Und weiter. Eskalation auf Eskalation.

Im Grunde beschreibt die Theorie einen Ablauf für die Einführung des Dritten Weltkrieges.

Die Idee dahinter: Man führt den Dritten Weltkrieg herbei, um Europa und Asien in Angst und Schrecken zu versetzen. Ein paar Atombomben. Vielleicht eine schmutzige Bombe. Alle Menschen komplett verängstigt. Und dann kommt das amerikanische Alien-Programm ins Spiel, MJ-12 heißt das glaube ich, und projiziert durch Drohnen oder ähnliche Technologie „Aliens" an den Himmel. Einen gemeinsamen Feind. Vielleicht wird das irgendwann aufgedeckt, dass es Fake war. Und dann kommen echte Aliens. Und dann kann die ganze Welt vereint werden.

Der Ablaufplan: Einführung in den Dritten Weltkrieg
Der Ablaufplan: Einführung in den Dritten Weltkrieg

Und wer glaubt, die Idee einer „neuen Weltordnung" sei reine Fiktion: Es gibt eine Zusammenstellung von Aussagen verschiedener US-Präsidenten, die genau diesen Begriff benutzen. Öffentlich. Vor Kameras. Über Jahrzehnte hinweg. Das allein beweist nichts. Aber es zeigt, dass der Gedanke an eine vereinte Weltordnung kein Reddit-Hirngespinst ist.

Weltkugel im Kintsugi-Stil: Zusammengehalten durch goldene Risse
Weltkugel im Kintsugi-Stil: Zusammengehalten durch goldene Risse


Klingt verrückt. Und trotzdem lässt es einen nicht los.

Im ersten Moment klingt das nach einer richtig typischen Verschwörungstheorie. Aber hier ist die Sache, die mich daran gestört hat: Wenn man mal Moral komplett weglässt und einfach nur fragt, wie man es schaffen würde, die Welt auf die nächste Stufe zu bringen, dann wird es plötzlich unangenehm logisch.

Die Welt ist gerade aufgetrennt. In Nationen, in Religionen, in Ideologien, in tausend Differenzen, die dafür sorgen, dass nie alle an einem Strick ziehen. LGBTQ vs. Traditionalisten. Ost vs. West. Arm vs. Reich. So wie es gerade läuft, kommt man nicht wirklich voran. Das kann eigentlich nur in Chaos enden, in Krieg oder im Stillstand.

Und wenn eine Instanz geformt wird, die sagt: Wir haben jetzt eine vereinte Welt, ein Ziel, einen Pol, dann würde das ordentlich Möglichkeiten bieten. Wenn alle an einem Strick ziehen. Aber das geht halt nicht. Weil die Menschen zu gespalten sind.


Warum das Schreckliche so oft Sinn ergibt

Und hier wird es unangenehm.

Wenn man Moral komplett weglässt und rein logisch drüber nachdenkt: Man opfert ein Drittel der Weltbevölkerung für eine vereinte Welt. Emotional kannst du das nicht verarbeiten. Mir wird selbst schlecht, wenn ich das schreibe. Aber rein von der kalten Logik her, wenn man nur an Effizienz denkt, ergibt es Sinn. Und das ist der beunruhigende Teil. Dass es sich rational begründen lässt, sobald du den moralischen Kompass weglegst.

Ich sage nicht, dass das richtig ist. Ich sage nur: Warum ergibt das Schreckliche so oft Sinn, wenn man es nüchtern durchrechnet?


Was ich über menschliches Verhalten gelernt habe

Und jetzt kommt der Teil, der mich eigentlich noch mehr beschäftigt hat als die Theorie selbst. Weil ich mich in den letzten Wochen so intensiv mit Psychologie befasst habe, sehe ich plötzlich überall die gleichen Muster.

Es gibt da dieses Experiment von Milgram. Aus den 60ern. Die haben normale Menschen hingesetzt und gesagt: Drück diesen Knopf. Da sitzt jemand hinter der Wand, dem du einen Stromschlag gibst. Und die Leute haben gedrückt. Immer wieder. Auch wenn sie die Schreie gehört haben. 65% haben bis zum Maximum gedrückt. Normale Leute. Weil eine Autoritätsfigur gesagt hat: Mach weiter.

Das ist keine Geschichte aus einem Film. Das ist Realität. Und das zeigt dir, wie beeinflussbar Menschen sind, wenn eine bestimmte Situation geschaffen wird. Du brauchst keinen bösen Menschen. Du brauchst nur die richtige Umgebung. Genug Druck, genug Angst, genug Unsicherheit, und auf einmal macht der normalste Mensch Dinge, die er sich vorher nie hätte vorstellen können.

Das ist auch der Grund, warum ich diese Theorie überhaupt ernst nehmen kann als Denkmodell. Die Frage ist ja: Würden die Menschen mitmachen? Würden sie sich vereinen lassen? Und die Antwort aus der Psychologie ist erschreckend eindeutig: Ja. Unter den richtigen Bedingungen schon.

Angst macht berechenbar

Ich hatte das auch schon in meinem Beitrag „Es ist Krieg" angesprochen: Menschen unter Angst, Zeitdruck und Kontrollverlust werden psychologisch berechenbar. Das ist kein Klischee. Das ist messbar. Wenn dein Gehirn in den Überlebensmodus schaltet, hört es auf, komplex zu denken. Du willst nur noch: Sicherheit. Klarheit. Jemand, der sagt, wo es langgeht. In dem Moment bist du bereit, fast alles zu akzeptieren, was dir diese Sicherheit verspricht.

Und genau das ist der Mechanismus, der diese ganze Theorie überhaupt erst plausibel macht. Du musst die Menschen nicht überzeugen. Du musst sie nur in den richtigen emotionalen Zustand bringen. Den Rest machen sie von alleine.

Wie Feindbilder installiert werden

Und das funktioniert am besten, wenn du früh anfängst. Wenn du die Narrative früh genug setzt. Wenn die ersten Eindrücke schon die richtigen sind.

Ich hab mich da auch viel mit dem Thema First Impressions beschäftigt. Es gibt Studien, die zeigen: Der erste Eindruck, den du von einer Sache hast, ist so mächtig, dass alle späteren Informationen daran gemessen werden. Dein Gehirn nimmt den ersten Frame und sagt: So ist es. Und alles, was danach kommt, wird so verarbeitet, dass es in diesen Frame passt.

Das heißt im Klartext: Wenn dir als Kind beigebracht wird, dass eine bestimmte Gruppe böse ist, dann wirst du dein ganzes Leben lang Informationen so filtern, dass sie diese Überzeugung bestätigen. Du merkst es nicht mal. Dein Gehirn macht das automatisch.


Kinder, die den Feind schon kennen, bevor sie entscheiden können

Zwei Kindheiten, zwei Realitäten
Zwei Kindheiten, zwei Realitäten

Nehmen wir mal Palästina. Die Kinder dort, die frisch geboren sind oder im Jugendalter. Die haben in ihren Köpfen nur eines eingeprägt: Israel ist der Feind. Und bei Israel ist es genauso. Umgekehrt. Gleiche Mechanik, andere Seite.

Da baut sich Hass auf über ein ganzes Leben. Und der Punkt ist: Die Kinder haben das nicht gewählt. Das wurde ihnen eingepflanzt. Bevor sie überhaupt die Möglichkeit hatten, sich ein eigenes Bild zu machen. Sie kennen den Feind, bevor sie wissen, was Feindschaft bedeutet.

Und jetzt der Spiegel für uns: Die meisten hier in Europa, die hier aufgewachsen sind und keinen Krieg kennen, werden das wahrscheinlich einfach nicht nachvollziehen können. Zwei Generationen ohne Krieg. Ich kann das selbst nur aus dritter Sicht beurteilen. Ich kenne keinen Krieg. I don't know. Und ich finde es ehrlicher, das zuzugeben, als so zu tun, als könnte ich das einschätzen.

Aber ich glaube, es ist wichtig, sich das bewusst zu machen: Was passiert in einem Kopf, der nie etwas anderes kennengelernt hat? Da wird nichts hinterfragt. Da gibt es kein „Moment mal, ist das wirklich so?" Weil es nie eine Alternative gab.

Und wir hier in Europa? Wir haben keine Feindbilder durch Krieg. Aber wir haben sie durch Medien. Durch Social Media. Durch algorithmische Feeds, die dir immer wieder das Gleiche zeigen, bis du es glaubst. Andere Form. Gleiche Mechanik.


Warum mich das nicht in Panik versetzt, aber zum Denken gebracht hat

Wenn man das alles zusammenbringt, die Theorie, die Feindbilder, das Milgram-Experiment, die Beeinflussbarkeit unter Angst, dann ergibt sich ein Bild. Wer die Narrative kontrolliert, kontrolliert die Reaktion der Masse. Wer versteht, wie Menschen unter emotionalem Druck reagieren, kann diese Reaktionen lenken.

Ich glaube nicht zwingend an diese spezifische Theorie. Aber ich glaube an den Mechanismus dahinter. Und ich glaube, dass die meisten Menschen sich nicht vorstellen können, wie beeinflussbar sie tatsächlich sind. Wir denken alle, wir sind die Ausnahme. Wir denken, wir würden den Knopf im Milgram-Experiment nicht drücken. Statistisch gesehen würden 65% von uns es tun.

Und vielleicht ist das die eigentliche Lektion: Es geht gar nicht darum, ob diese Theorie stimmt oder nicht. Es geht darum, zu verstehen, dass solche Szenarien überhaupt möglich sind, weil wir als Menschen so funktionieren, wie wir funktionieren.

Melvin